Speed Rock Revival On Social Media – Nützliche Technik oder eher Posing?

Hand aufs Herz! Jeder hat es schon mal gemacht. Zumindest diejenigen, die sich eingehender mit der Materie beschäftigen und es entweder aus Fachliteratur (z.B. Gabriel Suarez – „The Tactical Pistol“), vom Zusehen, oder daher kennen, dass sie ähnliches einfach mal selbst ausprobiert haben.

Ehrlich gesagt ist mir der Name „Speed Rock“ auch nicht geläufig gewesen und erst durch den Artikel, der auch diesen Beitrag bestimmt (Link siehe weiter unten), untergekommen. Die Technik an sich ist jedoch bekannt. Für diejenigen die mit dem Begriff nichts anfangen können, eine grobe Beschreibung:

Auszug aus dem Buch „The Tactical Pistol“ von 1996, der „Speed Rock“, verfeinert für den combativen Gebrauch von Chuck Tylor (aus dem Englischen frei übersetzt von mir), „[…] ist die letzte Option für eine Armlängensituation, in der kein Platz zum manövrieren oder ausweichen ist. Der Schütze „rockt“ oder reißt dabei die Pistole aus dem Holster, gleichzeitig „rockt“ oder reißt er seinen Torso nach hinten und schwenkt die Mündung auf die Vitalzone des Kontrahenten“.

Dabei wird natürlich geschossen und ein oder mehrere Ziele bekämpft. Von dieser Art der Verteidigungstechnik existieren natürlich einige Abwandlungen. Einige nutzen die Unterstützungshand dazu, den Angreifer auf Distanz zu halten, andere reißen den Arm mit dem Ellenbogen nach oben, um während des Zieh- und Beschussvorgangs den Kopf zu schützen, wiederrum andere neigen dabei auch den Körper nach vorne, was schon eher Vorteile aufgrund der Balance bringt. Noch abenteuerlicher wird es, sobald beim Ziehen auch noch ein Schlag Richtung Kopf/Hals des Angreifers ausgeführt wird. Die Website growingupguns.com hat hierzu ein paar Videos gelistet, die die verschiedenen Variationen auflisten.

Warum diese Art der Verteidigung oder Schießtechnik so viel Anklang findet, egal ob auf Facebook, Youtube oder sonstigen Seiten, sowie auch bei Lifefire Demonstrationen, liegt auf der Hand. Es sieht erst mal sehr spektakulär aus, unterhalb 1ner Sekunde die Waffe zu ziehen, ein oder mehrere Schüsse auf das Ziel abzugeben und innerhalb 1-2 Sekunden gar mehrere zu treffen. Wer dies drillmäßig übt, kann das durchaus erreichen und sich seine Likes auf diversen Internetplattformen abholen. Aber taugt der Speed-Rock auch für mehr als Effekthascherrei? Wie praktikabel ist diese Technik eigentlich. Sehen wir uns den Vorgang mal genauer an.

Häufig wird beim Speed-Rock der Oberkörper beim Waffe-ziehen nach hinten gerissen. Dies geschieht mit dem Hintergrund, dem Angreifer auszuweichen um so z.B. einer Messerattacke zu entgehen. Klingt erstmal nicht schlecht, hat jedoch einen immensen Nachteil. Neigt der Schütze seinen Körper nach hinten, verliert er sehr viel an Körperbalance und Stabilität. Der Angreifer wird in diesem Fall leichtes Spiel haben, ihn von den Füßen zu holen, mit allen Konsequenzen. Betrachten wir z.B. MMA-Kämpfer, wird schnell klar, warum ein ausbalancierter Körper wichtig ist und warum sich keiner von ihnen nach hinten lehnt. Selbes gilt für den Schützen.

Des weiteren sollte man sich darüber im Klaren sein, dass ein getroffener Angreifer nicht sofort zu Boden geht. Im Menschlichen Körper existieren nicht sonderlich viele „Triggerpunkte“ deren Beschuss tatsächlich wie eine Art „Aus-Schalter“ funktionieren. Alleine aufgrund des Schusswinkels, sind diese sehr schwer zu treffen. Eine sehr ähnliche Nahkampfsituation eines Brasilianischen Polizisten, der seine Pistole einsetzt zeigt, was passieren kann: https://www.youtube.com/watch?v=dCx…

Der bewaffnete Räuber schafft es, obwohl mehrmals getroffen, fast noch die Treppe hinunter. Der Polizist hatte insofern Glück, dass er die Initiative ergriff und den Räuber überrumpelte. Wäre dieser entschlossener, die Initiative ergriffen und nicht die Flucht angetreten, hätte es anders ausgehen können.

Hier tut sich schon das nächste Problem auf und dies ist es, was mir in Bezug auf die Praxis am meisten Kopfschmerzen bereitet: Die Initiative.

Wer sie hat, ist klar im Vorteil. Eine Reaktion ist immer langsamer als eine Aktion. Hat der Gegenüber bereits eine Waffe im Anschlag oder ein Messer in der Hand, wird er, sobald er sich für den Angriff entscheidet, immer schneller sein. Gerade bei Armlängenabstand, ist die Reaktionszeit fast bei null. Eine Reaktion ist so gut wie unmöglich und wird mindestens mit Lebensgefährlichen Verletzungen enden. Was jedoch möglich ist, ist die Initiative zu ergreifen. Somit reagiert der Schütze nicht mehr, sondern er agiert. Er leitet bewusst eine Aktion ein, um seinen Gegenüber zuvor zukommen. So wie im Video gesehen. Damit löst sich die Problematik aber nicht.

Der Stressfaktor beeinflusst massiv Körper und Geist. Sitzt das Verfahren nicht zu 100%, lässt es sich nicht anwenden. Nicht auszumahlen was passiert, wenn die eigene Waffe erst mal preisgegeben, nicht richtig gezogen wird, der Schuss nicht sitzt oder die Waffe gar abhanden kommt. Immerhin sprechen wir von Distanzen von 1m und weniger. Auf der Range, auf der die größte Gefahr der Timer und der RO ist, mag alles wunderbar funktionieren, doch in der Realität, in der eventuell das eigene Leben auf den Spiel steht, sieht es anders aus. Ungewissheit, Angst, hoher Blutdruck, Adrenalin usw… können alles zunichtemachen und haben maßgeblich Einfluss auf die Motorik.

Pauschal eine Lösung für derlei Situationen zu finden, ist nicht so einfach. Der Speed-Rock kann eine sein, hat aber eindeutig Schwächen, ist nicht das Allheilmittel und schon gar nicht dafür gedacht, den Waffenlosen Nahkampf und Körperliche Fitness zu ersetzen.

Fazit: Egal wie „tacticool“ die unzähligen Videos sind und ohne die Fähigkeiten und Trainingsmühe die die Schützen auf allen möglichen Social-Media-Plattformen aufbringen schlecht reden zu wollen, halte ich diese Technik für weniger praktikabel. Ja, es sieht spektakulär aus und man kann es niemanden verübeln dies auch „draufhaben“ zu wollen, denn schließlich können es ja alle prominenten Instrutor, so oder so ähnlich. Aber machen wir uns nichts vor. Die meisten Leute sind einfach nicht in der Lage die nötige Geschwindigkeit aufzubringen, es so zu trainieren und noch weniger von ihnen, dies in einer realen Situation umzusetzen.

Ich schließe mich deswegen dem Autor des Artikels auf growingupguns.com an und sage es genauso wie er; schnappt euch euren Kumpel oder Trainingspartner, ein paar MMA Handschuhe und eine Bluegun, geht auf eine Wiese und probiert es aus.
~Mike

Ich möchte nochmal den sehr interessanten Artikel von Mark Luell hervorheben, der hier erschienen ist. Lesen Lohnt sich.
Link: https://www.growingupguns.com/2016/09/19/technique-why-has-social-media-revived-the-speed-rock/

Weitere Quellen:
Brazil Off Duty Cop Shot Thug in Jewelry Store Attempted Robbery: https://www.youtube.com/watch?v=dCxOki6-R88
Buch: Tactical Pistol: Advanced Gunfighting Concepts and Techniques (Englisch) Taschenbuch – Januar 1996, von Gabriel Suarez (Autor), Jeff Cooper (Illustrator, Künstler)

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